Vor langer Zeit habe ich auf Instagram eine Story darüber gesehen, dass es mit zunehmendem Alter gar nicht mehr so leicht wird neue Freundschaften zu knüpfen und Menschen zu finden, die auf der selben Wellenlänge unterwegs sind. Ich mache die selbe Beobachtung und frage mich schon lange, woran das liegt.
Es ist kein Geheimnis, dass wir in unserem Leben Verbündete brauchen und auf soziale Kontakte angewiesen sind. Der Mensch ist schließlich ein soziales Wesen und es ist zudem nachgewiesen, dass die Einsamkeit wirklich krank machen kann.
Freundschaft bedeutet aber immer auch Arbeit. Man muss Zeit investieren, um zu wachsen, um die Verbindung zu stärken und Vertrauen aufzubauen. Zeit ist jedoch ein kostbares Gut. Die meisten von uns haben zu wenig davon, so scheint es. Sie jonglieren Familienalltag, Job, Partnerschaft und eigene Bedürfnisse und müssen in diesem voll durchgetakteten Tag noch freie Zeitslots finden, in denen sozialer Austausch möglich wird.
Die wunderbare Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel hat darüber ein Buch geschrieben. In “Zusammen – Warum wir für ein gutes Leben Verbündete brauchen – und wie wir sie finden” (Kösel Verlag) schreibt sie ihre sehr klugen und wichtigen Gedanken auf und sagt, dass das Prinzip von Gemeinschaft und Zusammenhalt das Überleben der Menschheit seit Beginn an sichert. Es ist unbedingt an der Zeit das wieder neu zu entdecken.
Die Autorin schreibt: “Egal, wie unser Alltag aussieht, welchen Job wir machen, wo wir leben: Wenn wir uns mehr Verbundenheit wünschen, brauchen wir dafür Zeit – ausgerechnet! Die Ressource, die bei den meisten von uns heute zumindest gefühlt die knappste ist. Wir brauchen Zeit nicht nur, um uns treffen zu können. Wir brauchen sie auch, weil es uns, wenn wir gestresst sind, deutlich schwerer fällt, mit den Menschen um uns herum mitzufühlen.”
Ist es Zeit umzudenken?
Auch ich falle immer wieder dem Trugschluss zum Opfer, dass ich keine Ressourcen für ein Treffen habe, weil ich mich so erschöpft fühle. Genau das Gegenteil ist der Fall. Sehr häufig hat man nicht die Energie. Ein Treffen lädt unsere Akkus jedoch wieder auf – vorausgesetzt man verbringt Zeit mit Menschen, welche die Energietanks nicht noch mehr entladen. Daran muss ich mich immer wieder selbst erinnern, bevor ich das nächste Mal vorschnell ein Treffen absage, weil mir die Energie fehlt.
Die Community-Expertin Radha Agrawal beschloss an ihrem 30. Geburtstag ihre Freundschaften wieder mehr zu priorisieren und schrieb: “Ich stellte fest, dass ich das vergangene Jahrzehnt hindurch das Freundschaftenschließen in die Kategorie “Wenn ich dafür Zeit habe” sortiert habe. Arbeit kam immer an erster Stelle und Freunden abzusagen, war völlig normal.”
Und ich kenne das leider auch von mir selbst. Während ich diese Zeilen hier schreibe denke ich also darüber nach, woher das kommt? Sind das immer noch meine People Pleasing Tendenzen, die hier aus mir sprechen und mir einreden, dass ich den besten Job überhaupt machen soll, weil ich nur dann etwas Wert bin? Ich möchte es nicht leugnen. Umso wichtiger ist es, dass wir alle – die vielleicht hin und wieder so denken – ein Umdenken einleiten und die Prioritäten neu ordnen.
Dazu gibt es eine Studie aus den 70er Jahren. In dieser wurden Teilnehmende eines Priesterseminars getestet. Die Hälfte der Personen wurde beauftragt, einen kurzen Vortrag über die Parabel vom guten Samariter zu halten, die andere Hälfte sollte über aktuelle Jobaussichten für Theologen sprechen. Auf dem Weg zum vermeintlichen Vortragsort trafen die Teilnehmenden jeweils auf einen verwahrlost wirkenden Mann – also jemanden der – wie in der Samariter-Parabel – eigentlich Hilfe brauchte. Doch wer half?
Viel entscheidender als alle anderen Faktoren war, wie viel Zeit die Teilnehmenden hatten. Bei denjenigen, denen man zuvor gesagt hat, dass sie spät dran seien, halfen nur zehn Prozent. Von denen, die ganz ohne Eile unterwegs waren, halfen 63 Prozent.
Man darf nicht vergessen, dass diese Studie aus den 70er Jahren stammt. Die Geschwindigkeit, mit der wir heute unseren Alltag bestreiten, die dürfte sich nun um einiges erhöht haben.
“Wenn unser Leben hauptsächlich von Lohnarbeit und Zeitstress bestimmt ist, sind die Möglichkeiten, uns abseits davon mit anderen zu verbinden, empathisch zu reagieren oder sogar Mühen auf uns zu nehmen, um zu helfen, entsprechend gering.”
Was kann man tun?
Wir sollten uns jedoch nicht schuldig fühlen und uns selbst dafür verurteilen, wenn wir in bestimmten Situationen nicht mitfühlend reagiert haben. Viel wichtiger wäre es sich zu fragen, welche Stressoren der Grund dafür waren und unser Verhalten dahingehend beeinflusst haben. Es ist schon viel damit gewonnen, wenn wir diesen Missstand bemerken und ändern möchten.
Zeit ist ein wichtiges Gut
Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung befürworten 81 Prozent der Menschen in Deutschland eine Verkürzung der Arbeitszeit. Mehr als die Hälfte der Menschen fühlte sich im Jahr 2022 gestresst. Und die Hans-Böckler-Stiftung formulierte das sogar noch deutlicher:
“Zeit für Muße hat damit einen besonderen Stellenwert für gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Stabilität von Demokratie.”
Wenn wir darüber nachdenken wird umso bewusster, wie wichtig Freiräume sind. Nicht alle Menschen können sich eine Verkürzung der Arbeitszeit leisten oder sich eine längere Auszeit vom Job nehmen. Doch wir können Freiräume schaffen, wenn wir diese schaffen wollen.
Es kann manchmal schon reichen sich hin und wieder einen Nachmittag frei zu nehmen, aufzuhören so viele Überstunden zu sammeln oder im Feierabend nicht permanent über Job-Themen nachzudenken. Egal wie diese Freiräume aussehen mögen, sie würden dafür sorgen, dass wir wieder besser zueinander finden und uns näherkommen.
Verbindung im Arbeitsalltag
Für manche Menschen ein kontroverses Thema, da viele Beruf und Privatleben strikt voneinander trennen möchten. Dennoch verbringen wir sehr viel Zeit im Job und eine gewisse Verbundenheit im Arbeitsalltag bereichert unser Leben.
Heutiger Impuls
Nimm dir einen Moment Zeit und versuche folgende Fragen für dich zu beantworten: Mit wem im Job habe ich am meisten Spaß? Wen schätze ich am meisten? Was schätze ich an dieser Person? Mache ich meine Anerkennung deutlich? Wer ist auf irgendeiner Art und Weise ganz anders als ich? Was kann ich von dieser Person lernen? Wenn ich einen Konflikt mit einer Kollegin oder einem Kollegen habe, was kann ich tun, um diesen zu mildern? Welche Art von Kontakt vermisse ich bei der Arbeit? Wie könnte ich solche Verbindungen und Kontakte schaffen? Gibt es jemanden, den ich gern besser kennen würde? Wie kann ich Kontakt zu dieser Person aufnehmen? Solltest du selbstständig sein und keine direkten Kollegen oder Kolleginnen, dann kannst du dich vielleicht fragen, ob es in deinem Bereich andere Expertinnen gibt, mit denen du dich regelmäßig austauschen kannst? Wie wäre ein Co-Working? Ein regelmäßiges Treffen, um über gemeinsame Herausforderungen und Probleme zu sprechen und sich gegenseitig zu unterstützen? |
Die Autorin schreibt: “Wenn wir uns im beruflichen Kontext auf die Suche nach Verbündeten machen, bedeutet das nicht, dass Arbeit noch mehr Platz in unserem Leben einnehmen soll. Es geht darum, die Zeit, die wir ohnehin mit Arbeit verbringen, gemeinschaftlicher zu erleben. Je mehr wir in soziale Beziehungen in unserem Arbeitsumfeld investieren, desto mehr gewinnen wir in unserer Arbeitszeit für uns persönlich. Auch wenn Arbeit (hoffentlich!) nicht unser ganzes Leben ist – sie gehört zu unserem Leben mit dazu und damit auch zu unseren Möglichkeiten, uns mit anderen zu verbinden.”
Fotocredits: Sixteen Miles Out via Unsplash.com
Wie vollgepackt ist unsere Freizeit?
Unsere Abhängigkeit von sozialen Medien ist nicht zu vernachlässigen. Laut einer Studie waren Jugendliche im Jahr 2022 im Schnitt 63,7 Stunden pro Woche online. Das ist viel Zeit, die da im Netz verloren geht. Es ist jedoch nicht nur die Zeit, die uns fehlt, sondern auch der ständige Vergleich mit anderen, der uns zu schaffen macht.
Soziale Medien beeinflussen auch, auf welche Art wir Verbindung zu anderen Menschen suchen. Wir werden immer abhängiger von unseren Handys und haben weniger Interesse daran überhaupt noch tiefergehende Beziehungen einzugehen und dafür Zeit zu investieren.
Wohin richtet sich unsere Aufmerksamkeit?
Die Journalistin berichtet, dass sie am Institut für Publizistik in München einen Kurs für Auslandsberichterstattung gibt. Alle Teilnehmer müssen mehrere Monate lang ein Gebiet erschließen. Sie suchen sich also ein Land aus und lernen dann nach und nach alles darüber und berichten. Eine der ersten Übungen allerdings findet vor der eigenen Haustür statt.
Die Aufgabe lautet: Die Studierenden sollen sich eine halbe Stunde lang ihre eigene Nachbarschaft so anschauen, als wären sie, wenn schon nicht im “Ausland”, dann zumindest im “Neuland”.
Mehrere der Teilnehmenden machten faszinierende Entdeckungen oder kamen mit Ideen für journalistische Geschichten zurück. Dabei bewegten sie sich in einem bekannten Gebiet. Das brachte folgende Erkenntnis:
“Die gewohnte Umgebung mit einem anderen Blick zu betrachten, hatte gereicht, um Neues in ihren Alltag zu bringen. Neue Eindrücke und neue Möglichkeiten.”
Wir alle beobachten unsere Umgebung um uns herum, wenn wir es schaffen die Perspektive zu verändern, dann erweitern wir unsere Möglichkeiten. Stelle dir ab und an die Frage “Was habe ich noch nie zuvor bemerkt?”. Das muss gar nicht auf Orte bezogen sein, sondern kann auch für Menschen stehen.
Hast du dir schon mal Gedanken gemacht, was die Person dir gegenüber mag, macht, fühlt, denkt oder sagt, was dir zuvor noch nie aufgefallen ist? Ein spannendes Experiment, das uns zugleich wieder bewusst macht, dass wir eine Person nie ganz kennenlernen werden. Es wird immer wieder Neues geben, das wir entdecken können und Stoff für spannende Gespräche, gemeinsame Unternehmungen und echte Verbindung ist.
“Wir wir unsere Welt sehen, beeinflusst nicht nur unser Denken, sondern auch unser Handeln.”
Warum fehlt uns der Mut neue Menschen kennenzulernen?
Wir Menschen können die Auswirkungen von Beziehungen und Kontakten zu anderen Menschen nicht wirklich realistisch einschätzen. Für gewöhnlich zahlen sich Beziehungen nicht unmittelbar aus. Sie sind eher Langzeit-Investments, was es einfacher macht sie auf die kurze Sicht zu vernachlässigen. Blöderweise fokussieren wir uns aber häufig auf negative Erfahrungen, mögliche Enttäuschungen oder Verletzungen und übersehen dabei (oder unterschätzen) die positiven Vorteile, die Beziehungen mit sich bringen.
Brené Brown hat erforscht, was Menschen brauchen, um sich wirklich zugehörig zu fühlen. Und sie hat aus ihren eigenen Studien einen Ratschlag herausgefiltert, der ihr Leben verändert hat. Er hat verändert, wie sie mit anderen Menschen agiert, wie sie mit ihren Kindern umgeht, wie sie sich im beruflichen Kontext verhält. Und den möchte ich unbedingt noch mit dir teilen.
“Hör auf, durch die Welt zu laufen und nach der Bestätigung Ausschau zu halten, dass du nicht dazugehörst. Du wirst diese Bestätigung immer finden, wenn du es dir vornimmst. Hör auf, die Gesichter deiner Mitmenschen nach Hinweisen abzusuchen, dass du nicht genügst. Du wirst diese Hinweise immer finden, weil das nun mal dein Ziel ist.”
Die gute Nachricht ist aber, dass das ganze auch in die umgekehrte Richtung funktioniert. Sobald wir Belege dafür suchen, dass wir dazugehören, wertgeschätzt und geliebt werden, werden wir sie finden. Wir können jeden Moment damit beginnen.
Wer sind deine Verbündeten?
Wenn du die heutige Ausgabe gelesen hast, dann nimm dir doch vor, dich mal wieder bei einer lieben Person zu melden, die du schon lange nicht mehr gesehen hast. Vereinbare am besten auch direkt ein Treffen und starte verbunden in das neue Jahr.
Ich wünsche dir einen wundervollen 4. Adventssonntag, Zeit für Ruhe und Erholung, Zeit um die Vorweihnachtszeit nochmal so richtig zu genießen.
Alles Liebe,
Petra